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Reichstag-Mandala

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Mein Name ist Ben. Ben Küchenmeister. Ich wohne in einer Kleinstadt im Nordosten Deutschlands. Nur etwa 100 km von unserem Städtchen entfernt, steht in Berlin das Reichtagsgebäude. Bei einem Besuch kann dort man die Politiker in den Bundestag zu einer Parlamentssitzung eilen sehen oder sogar eine Plenarsitzung besuchen.

Im Parlament streiten sich die Parteien dann über die verschiedensten Dinge, die uns und unser Land betreffen.

Am Ende müssen die Politiker einen gemeinsamen Weg finden, denn das gehört zu ihrem Beruf.

Den Auftrag für ihre Arbeit haben sie von den Bürgern erhalten. Das nennt man Demokratie.

Wahlgeschichte In meiner Geschichte geht es auch um Meinungsverschiedenheiten, doch dazu kommen wir später. Erst einmal muss ich euch von Oma Lotte erzählen, die sich beim Schneefegen den Fuß gebrochen hatte. Deswegen konnte sie ganze sechs Wochen lang nicht mit Herrn Albrecht spazieren gehen. Du musst wissen, dass Herr Albrecht von ganz besonderem Adel ist. Er heißt nämlich mit vollem Namen „Albrecht von Drostenhof“ und ist ein sehr vornehmer Rauhaardackel. Kurz und gut, wir haben das Gassigehen mit Herrn Albrecht übernommen.

Wir, das sind Lukas, Max, Hannes, Matze, Lea und ich. Wie sich ziemlich schnell herausstellte, war die Aufgabe nicht so einfach, wie wir zunächst dachten. Ein Dackel mit seinem Stammbaum ist nämlich ziemlich anspruchsvoll. Erst recht, wenn er bei Oma Lotte Einzelhund ist. Herr Albrecht hatte genaue Vorstellungen darüber, wo und wann er seine Geschäfte erledigen wollte. Man hätte denken können, er hielt uns an der Leine und nicht umgekehrt. Bei Schneefall wollte er getragen werden und bei Minusgraden die Wohnung überhaupt nicht verlassen.

50 Euro Seine Sonderwünsche ließen sich allerdings weder mit unseren Stundenplänen, noch mit Leas 36 Kilogramm Körpergewicht vereinbaren. Sie konnte die 9 Kilogramm lebenden Hund kaum hochheben, geschweige denn die 32 Stufen von der Wohnung bis zur Haustür runtertragen. Nachdem wir uns endlich zusammengerauft hatten, war Oma Lotte wieder fit.
Als Dankeschön für unseren tatkräftigen Einsatz erhielten wir einen nigelnagelneuen 50 Euroschein von ihr. „Und nun?“, ratlos drehte ich den Schein zwischen meinen Händen. „Na, was schon! Das sind umgerechnet acht Packungen Schokoküsse, zehn Tafeln Schokolade und mindestens sechs Tüten Chips!“ Matzes Augen leuchteten, während er mit seinen Knubbelfingern die Gesamtzahl der Schokoküsse ausrechnete. „Klar, dass du wieder nur ans Naschen denkst“, feixte Lea und schaute auf Matzes Bauch, „dabei haben wir sechs Wochen lang jeden Tag Kuchen und Süßigkeiten von Oma Lotte bekommen. Ein Rettungsring reicht dir wohl nicht!“ Matze zog eine beleidigte Schnute und brummelte etwas, was sich wie „dünne Bohnenstange“ anhörte. Lea ließ sich davon nicht beeindrucken. „Ich finde, wir haben alles, was wir brauchen. Wir könnten die 50 Euro für unser Schulprojekt ‚Kinder in Not’ spenden.“ „Aber wir haben uns das Geld doch richtig schwer verdient. Dann können wir uns auch etwas davon gönnen!“, mischte sich Lukas energisch ein. „Oder wir gehen in die Eisdiele, und jeder von uns bestellt einen Rieseneisbecher mit Amarenakirschen und viel Sahne.“ Matze ließ einfach nicht locker, wenn es ums Essen ging. „Das ist eine coole Idee!“, riefen Max und Hannes gleichzeitig. „Ich esse nie im Leben einen Rieseneisbecher“, beschwerte sich Lea, „mir ist schon nach zwei Kugeln Eis schlecht.“ „Na und, dann …“ Matze verkniff sich den Rest, als er Leas Blick sah. „Dann kaufen wir uns eben endlich mal einen vernünftigen Fußball“, schlug ich vor, „von dem übrigen Geld gehen wir Eisessen oder geben eine Spende für das Schulprojekt.“ „Warum teilen wir das Geld nicht einfach unter uns auf. Jeder kann mit seinem Anteil machen, was er will.“ Lea, Matze, Lukas, Hannes und ich starrten Max an, als käme er von einem anderen Stern. „Von wegen! Wir haben die Sache zusammen angefangen und jetzt bringen wir sie auch gemeinsam zu Ende!“, sagte Hannes. Wir anderen nickten zustimmend. „Dann müssen wir uns wohl noch weiter streiten.“ Max zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Und wie soll es weitergehen?“, fragte ich. „Wir haben doch schon verschiedene Vorschläge. Jetzt müssen wir uns doch nur auf einen davon einigen“, meinte Lukas. „’Nur noch’ ist gut“, seufzte Lea. „Wieso?“, fragte Matze, „Hannes, Max und ich wollen in die Eisdiele. Ihr anderen seid euch nicht einig, damit steht es drei zu jeweils eins.“ Hannes und Max nickten begeistert. Sie stellten sich hinter Matze, der siegessicher grinste und seine Hand schon nach dem Schein ausstreckte. „Moment, das soll eine Abstimmung sein?“ Ich schüttelte den Kopf. „Was dagegen? Wir können uns auch um das Scheinchen raufen. Was meinst du wohl, wer von uns beiden dabei gewinnen wird?“ Matze baute sich mit breiter Brust vor mir auf. Er ist zwar doppelt so breit wie ich, aber ich überrage ihn um einen ganzen Kopf, deshalb konnte ich sein Angebot nicht ernst nehmen. Ich grinste ihn frech an und schob mir demonstrativ die Ärmel hoch. „Mensch Leute, so kommen wir doch nicht weiter. Wir können die Vorschläge auf Zettel schreiben und das Los entscheiden lassen“, schlug Lukas vor. „Und wer soll dann das Los ziehen?“, fragte Hannes. „Wer am längsten die Luft anhalten kann“, antwortete ich, wobei ich Matze auffordernd ansah.
„Nö, wer am lautesten einen fahren lässt."
„Oder wer sich traut, beim ollen Meier Klingelmäuschen zu machen.“
„Oder bei Hausmeister Schmidt ‚mit dt wie Damentoilette’“, ahmte Hannes unseren Hauswart nach. Wir Jungen bogen uns vor Lachen. „Oder wer am dümmsten daherredet“, unterbrach Lea genervt, „das ist doch alles kiki!“ „Eigentlich müssen wir uns doch nur darüber einigen, ob wir Eis essen, spenden oder einen Fußball kaufen wollen“, meinte Hannes, nachdem wir uns beruhigt hatten, „Süßigkeiten zu kaufen, wäre blöd, denn die bekommen wir auch so.“ „Und das Geld aufzuteilen, kommt deshalb nicht in Frage, weil wir etwas gemeinsam machen wollen“, ergänzte Max und runzelte die Stirn, „naja, und damit fällt auch wohl die Spende aus.“

Ja, ja, wer die Wahl hat, hat die Qual, oder was meinst du? So kamen jedenfalls wir nicht zu einer Entscheidung, daher schlug ich vor: „Jeder überlegt sich bis morgen noch einmal, was er für richtig hält. Dann sehen wir weiter. Und jetzt spielen wir erst einmal eine Runde ‚Mensch-ärgere-dich-nicht’."

Am nächsten Tag trafen wir uns wie gewohnt bei Hannes vor der Haustür. „Habt ihr euch etwas Neues überlegt?“, fragte er. „Naja, nicht so wirklich“, meinte Matze, „die Eisdiele hat übrigens den ganzen Winter über geschlossen. Herr Rossi kommt erst im Frühling wieder aus Italien zurück.“ „Das Geld hat ja kein Verfallsdatum. Wir können mit dem Besuch auch bis zum Frühjahr warten“, entgegnete Lukas. „Meine Mutter meinte, das Geld für Rieseneisbecher auszugeben, sei Lea gegenüber ungerecht.“ Matze blickte zerknirscht in die Runde. Da hatte ihm seine Mutter wohl mal wieder ordentlich den Kopf gewaschen. „Für mich wäre auch eine Kugel genug“, er schluckte, „hat sie außerdem gesagt.“ Aha, daher wehte der Wind. Das war bestimmt kein angenehmes Gespräch für Matze gewesen. „Wann und wie viel Eis wir essen, ist erst einmal egal. Viel wichtiger ist doch, ob wir das Geld überhaupt in Eiskugeln umsetzen wollen. Gibt es vielleicht neue Vorschläge?“, fragte ich. „Wir können ins Kino gehen. Zurzeit zeigen sie ein paar ganz gute Filme“, schlug Max vor. „Damit hätten wir nun drei Vorschläge: Eis, Fußball und Kino“, fasste ich zusammen. „Ich bin immer noch dafür, dass wir das Geld spenden“, warf Lea ein. „Dann sind es eben vier Vorschläge. Ich habe mir Folgendes gedacht: Wir machen es wie die Politiker.“ Die anderen schauten mich neugierig an. „Lea, Matze, Max und ich müssen versuchen, alle anderen von unseren Vorschlägen zu überzeugen. Dafür bekommt jeder drei Minuten Redezeit. Anschließend stimmen wir per Handzeichen über den jeweiligen Vorschlag ab. Der Vorschlag mit den meisten Handzeichen gilt als angenommen. Die Abstimmung findet an unserem Küchentisch statt. Meine Mutter spendiert uns Kakao und Kuchen dazu.“ „Die Idee ist super, Ben“, Matze war begeistert, „was für einen Kuchen gibt es denn?“ „Streuselkuchen, und für dich habe ich gleich ein ganzes Blech bestellt“, antwortete ich lachend.

Und so ging die Geschichte aus: Mit jeder Menge Streuselkuchen und Kakao im Bauch haben wir uns auf einen Kinobesuch geeinigt. Du willst wissen, ob wir uns anschließend auch darüber gestritten haben, in welchen Film wir gehen wollen? Na, was denkst du? Wer die Wahl hat, hat eben manchmal auch die Qual.

Text: Nicole Potthpoff

 

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