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Parzival

Parzival im Taschenformat

Mein Name ist Ben, Ben Küchenmeister. Ich lebe in einer Kleinstadt im Nordosten von Brandenburg. Unsere Stadt liegt an einem großen See. Am Ufer steht eine 15 m hohe moderne Skulptur aus glänzendem Edelstahl– der Parzival. Eigentlich ist Parzival die Hauptfigur in einem Abenteuerroman aus dem Mittelalter. In meiner Geschichte spielt er ebenfalls eine wichtige Rolle. Doch dazu später mehr.

Die Schule hatte seit einiger Zeit wieder angefangen. Wie immer zum Schuljahresbeginn, gab es Neuigkeiten, Belehrungen, neue Bücher und einen neuen Lehrer in Sachkunde.
Dr. Kauz war nach den Ferien an unsere Schule gekommen. Tatsächlich sah er ein wenig aus, wie ein Kauz oder eher wie ein Käuzchen. Er war klein, drahtig und trug eine silberfarbene Nickelbrille. Im ersten Halbjahr stand Heimatkunde auf dem Lehrplan.
Dr. Kauz fand, es sei eine gute Idee, sich darüber Gedanken zu machen, was die Skulptur am Seeufer, mit dem Parzival aus dem gleichnamigen Ritterroman des Dichters Wolfgang von Eschenbach zu tun habe. Es könne schließlich nicht schaden, wenn junge Menschen nicht nur SMS, Internetseiten und Harry Potter lesen würden, sondern auch Bücher aus dem Mittelalter. „Damit ihr versteht, wie es früher war, warum es heute so ist und weshalb es morgen so sein wird “, sagte er.
Parzival am See
Vielleicht habt ihr auch schon mal ein Buch lesen müssen, das bereits auf den ersten Seiten so staubtrocken war, dass der bloße Anblick des Buchdeckels bei euch einen schlimmen Hustenreiz ausgelöst hat. In unserer Klasse war es ähnlich. 25 Kinder bekamen einen Hustenanfall nach dem anderen, sobald Dr. Kauz, mit seinem „Parzival“ unter dem Arm, um die Ecke bog. Dabei hatten wir noch Glück. Dr. Kauz hatte eine Zusammenfassung für Kinder gefunden. Denn erstens ist die Geschichte unendlich lang und zweitens ist das Original in Mittelhochdeutsch geschrieben.
Schrift Mit den Worten Ist zwîvel herzen nâchgebûr, daz muoz der sêle werden sûr beginnt der Roman und übersetzt heißt es:
Wem Zweifel an dem Herzen nagt, dem ist der Seele Ruh versagt.

Zweifel an einem spannenden Unterricht kamen uns auch sehr schnell und zwar so gewaltige, dass unsere „Seelen“ in Aufruhr waren. Wir überlegten krampfhaft, wie wir aus der Nummer wieder rauskommen konnten. Unsere Hustenattacken waren ein Weg. Der führte allerdings in eine Sackgasse, denn Dr. Kauz ließ diese Schulminuten nachsitzen. „Schülerquäler“ war noch das netteste Wort, das uns zu „Parzival“ einfiel. Nach einer Weile hatte Dr. Kauz doch noch ein Einsehen mit uns leidgeprüften Schülern und las die meisten Passagen im Unterricht vor. Viele von uns waren dann sogar ganz Ohr, weil Dr. Kauz die Geschichte des jungen Parzival so spannend vorlas.

Gurnemanz, der alte Ritter, sprach eindringlich auf Parzival ein: „ Frag nicht zu viel! Wenn man dich etwas fragt, dann antworte bedächtig und überlege vorher, was du sagst. Als Ritter musst du tapfer streiten und großzügig verzeihen! Gibt ein Gegner auf, musst du ihn ritterlich verschonen! Und achte auf alles, was höfische Sitten, Zucht und Anstand angeht, du hast dich als Ritter gut zu benehmen! Dazu gehört auch, dass du auf dein Äußeres achtest...“

Solche Sprüche kamen mir bekannt vor, nur hießen sie bei uns: „Rede nicht immer dazwischen! Wasch' deine Hände! Kämm' dir die Haare!“ Parzival machten solche Ermahnungen offenbar nichts aus. Im Gegenteil, er bedankte sich sogar noch dafür. Das sollte ich mal bei meinem Vater machen, der würde sich veräppelt fühlen.

Im Zweikampf durfte Parzival, dem Ritter Gurnemanz beweisen, wie schnell er den Umgang mit den ritterlichen Waffen gelernt und die Unterweisungen angenommen hatte. Als es ihm gelang gleich fünf Ritter, die gegen ihn anritten, aus dem Sattel zu heben, erkannte jeder seine Gelehrigkeit an und Gurnemanz war voller Lob für den jungen Ritter. Bald trieb es Parzival erneut zu Abenteuern in die Welt hinaus und er bat Gurnemanz um seinen Abschied.

Das Pausenzeichen erlöste uns. „Den nachfolgenden Abschnitt lesen bitte alle bis zur nächsten Stunde zu Hause!“ Dr. Kauz raffte seine Sachen zusammen. „Och nö!“, „Ist doch viel schöner, wenn sie lesen!“, „Manno, ist doch blöde!“ Aber unser Gequengel prallte an ihm ab, wie ein Pfeil an einem Harnisch.

Am Nachmittag lag ich auf meinem Bett und las weiter.

Gurnemanz war über den Abschied des jungen Freundes sehr betrübt. Er reichte ihm die Hand und blickte dem Davonreitenden lange traurig hinterher. Parzival erging es nicht besser. Er ließ seinem Pferd, ganz in Gedanken, die Zügel. Sein Herz ward ihm schwer, aber er konnte das Gefühl, das ihn beschlich, nicht in Worte fassen. So ritt er über Berg und Tal, über Gebirgsketten und durch tiefe Wälder, bis ein Fluss ihm den Weg versperrte. ...

Ritter meine Augenlider wurden immer schwerer, Parzivals Trübsal machte mich ganz müde und ich fiel in einen traumlosen Schlaf... “Knappe! Will er wohl von meinem Ritterkleide lassen!“ Ehe ich mich versah, piekste mich etwas heftig in die Nase. „Aua!“ Ich öffnete meine Augen und konnte nicht glauben, was ich sah: Vor mir zappelte ein kleiner Ritter auf meiner Parzivalausgabe. Er zog und zerrte mit der einen Hand an seinem Ritterrock und mit der anderen fuchtelte er mit seinem Schwert wild vor meiner Nase herum. „Äh...ähm“, stotterte ich, „Ähm, könnten Sie bitte mit ihrem Schwert ein wenig vorsichtiger sein?“ „Einfältiger! Was glaubt er, wer er ist?“, bekam ich zur Antwort. „Na, wer ich bin, weiß ich. Aber wer sind Sie?“ „Ich bin Parzival, Ritter der Tafelrunde am Hofe Königs Artus und Hüter des heiligen Grals in der Gralsburg!“
„Heiliger Bimbam, ich träume!“, rief ich aus. „Nicht Bimbam schütz´ ich treuerlich, den heiligen Gral beschütze ich!“ Reimen konnte er also auch. Ich richtete mich ein wenig auf und gab dadurch den Ritterrock frei. Parzival, der damit nicht gerechnet hatte, fiel mit einem Ruck auf seinen Hosenboden. „Dummer Tölpel! Kann er nicht aufpassen!“ Besonders ritterlich waren seine Sprüche nicht. Ich fand, es war an der Zeit, ihn darauf hinzuweisen, was der alte Gurnemanz ihn gelehrt hatte. „Werter Ritter Parzifal, das Fluchen ziemt sich eines Ritters nicht!“ Hatte ich so gesprochen? Was ging hier eigentlich ab? Parzival grinste mich an: „Alles klar Mann! Reden wir in deiner Sprache, ... Kumpel. Damit du mich verstehst, weisst’e?“ Parzival stand auf, legte sein Schwert auf die Buchseiten und rückte seine Kleidung zurecht. „Also, joh man Alter, das ist hier das fetteste Abenteuer, das ich je erlebt habe und im Laufe meiner Geschichte bin ich in einige Dinger verwickelt worden. Das kannste mir glauben! Einen Riesen habe ich allerdings noch nicht abgemurkst!“

Beinahe hätte ich laut losgelacht, aber irgendetwas hinderte mich daran, was hier passierte war reines Kopfkino. Aber echt cool! Plötzlich kam mir der Gedanke, dass es aber auch die Gelegenheit war, schneller durch die Geschichte zu kommen: Parzival konnte mir alles erzählen! Dr. Kauz würde staunen, was ich alles über den Romanhelden wusste!

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