Einen Sprung über ein hölzernes und mit Leder bezogenes Turnpferd müssen alle Schüler im Laufe ihrer Schullaufbahn einmal wagen. Dem einen gelingt es, dem anderen nicht, weil diese Turnübung gar nicht so einfach ist.
Wie viel schwieriger muss es dann sein, auf ein galoppierendes Pferd zu springen? Oder sich freihändig auf den Pferderücken zu stellen, während das Pferd im Trab auf dem Reitplatz seine Runden dreht?
„Das ist überhaupt nicht schwer!“, sagen die begeisterten Voltigierkinder und -jugendlichen im Alter von 4 bis 16 Jahren. Das Wort „voltigieren“ leitet sich von dem französischen Verb „voltiger“ ab und heißt übersetzt „Schwünge oder Sprünge ausführen, herumflattern“. Mit „Herumflatterei“ haben die gymnastischen Übungen auf dem Pferderücken allerdings nichts zu tun, einmal ganz abgesehen davon, dass ein Voltigierpferd in der Regel ein Stockmaß von 1,70 m bis 1,85 m hat.
Voltigieren ist vielmehr eine Mischung aus Ballett, Akrobatik und Kunstturnen. Dagegen wird beim Aufsprung, der Schere, der Mühle und den vielen anderen Übungen tatsächlich ordentlich geschwungen und gesprungen. Manchmal turnen bis zu drei Kinder auf einem Pferd und zeigen elegante bis sportliche Übungen von der Fahne bis zum Schulterstand.
Mit allen Übungen werden Gleichgewicht, Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer der Mädchen und Jungen trainiert. Die Arbeit mit und auf dem galoppierenden Pferd stärkt das Selbstbewusstsein ungemein und fördert gleichzeitig das Verantwortungsgefühl der Kinder. Für viele ist das Voltigieren der Einstieg in den Reitsport, daher bieten fast alle Reitschulen und Reitvereine auch Voltigierstunden an.
Voltigierpferde sind speziell für diese Pferdesportart ausgebildete Tiere. Sie sind brav, sanft, gutmütig und geduldig. Schließlich müssen sie so einige versehentliche Knüffen der Kinder aushalten. Ein Vollblüter eignet sich daher weniger für die langwierige Ausbildung zum Voltigierpferd. Dafür eignen sich Haflinger vor allem wegen ihrer Größe für jüngere Voltigierer umso mehr.
Der dänische Knabstrupper wird oft wegen seiner Gelehrigkeit für diese Arbeit geschätzt und eingesetzt. Während des Voltigierens wird das Pferd von einer Voltigierlehrerin oder -lehrer an der Longe, einer langen Reitleine, im Kreis geführt.Für die Übungen trägt das Pferd einen speziellen Rückengurt mit zwei Haltegriffen und zwei Fußschlaufen für die Voltigierer.
Obwohl das Voltigieren unter dem Namen „Kunstreisten“ bereits 1920 eine olympische Disziplin war, ist diese Sportart nicht sehr bekannt im Vergleich zu den anderen Reitsportarten. Regional, national und international gibt es Turniere und Meisterschaften im Einzel-, Doppel- und Gruppenvoltigieren. In einem Wettkampf werden Pflicht- und Kürübungen vor einer Jury gezeigt.
Pferde im Einsatz für Körper und Seele
Der Einsatz eines Pferdes für die Therapie eines kranken oder behinderten Menschen ist seit rund 200 Jahren bekannt. In Deutschland wurde jedoch erst 1970 das „Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V.“ gegründet. Dieser Verein hat mittlerweile 125 Reitschulen und Reitvereinen ein Gütesiegel vergeben können, denn der therapeutische Einsatz von Pferden erfordert ein großes Fachwissen von den Reitlehrern und Reittherapeuten.
Das heilpädagogische Reiten und Voltigieren, die Reittherapie und der Reitsport für Menschen mit einem Handicap gehören zum therapeutischen oder integrativen Reiten. Alle drei Behandlungsarten haben das gemeinsame Ziel Störungen oder Erkrankungen der Seele oder des Körpers zu lindern oder zu heilen. Im Zentrum der Behandlung steht der Umgang des kranken oder behinderten Menschen mit dem Pferd. Wie beim Voltigieren werden Balance und Kraft trainiert, aber auch alle Sinne angesprochen. Unruhige Menschen werden ruhiger, wenn sie auf einem sanft schaukelnden Pferderücken sitzen. Verschlossene Menschen bekommen Selbstvertrauen, wenn sie ein Pferd pflegen und reiten.