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Kidsweb-Drachengeschichte

Drachengeschichte

Der Rote Baron

Mein Name ist Ben Küchenmeister. Ich wohne in einer Kleinstadt, nicht weit von der deutschen Ostseeküste entfernt. Im Herbst finden dort an vielen Stränden Drachenfeste statt. Jeder, der einen Drachen besitzt, kann an verschiedenen Wettbewerben teilnehmen.
So ein Drachenfest spielt in meiner Geschichte auch eine Rolle, aber dazu später mehr.

Zunächst muss ich euch vom „Roten Baron“ erzählen und wie ich ihn bekommen habe. Ohne meinen Großvater gäbe es weder den „Roten Baron“, noch hätte ich jemals an einem Drachenfest teilgenommen. Doch ich erzähle besser alles der Reihe nach:

Es waren Herbstferien und wie jedes Jahr, besuchte ich für eine ganze Woche meine Großeltern. Das sind sieben Tage voller spannender Geschichten, Unternehmungen und Buttercremetorte, bis ich zu platzen drohe. „Omen und Open sind zum Verwöhnen da! Amen!“, ist der Lieblingsspruch meiner Großeltern. Nur gut, dass ich alleine zu ihnen fahre. Meine Eltern, vor allem meine Mutter, kämen aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus.

Als ich in diesem Jahr ankam, erwartete mich bereits ein schön gedeckter Tisch mit einem großen Krug Kakao und einer noch größeren Mokkacremetorte darauf. Meine Großeltern wetteten immer vorher, wie viele Stücke ich schaffen würde. „Junge, Junge, damit hat Lottchen ihre Wette eindeutig verloren. Vier Stücke Buttercreme! Ben, das ist neuer Rekord. Das hat bisher noch nicht einmal dein Vater geschafft.“ „Jetzt bin ich aber auch pappesatt“, stöhnte ich. „Lass’ mal sehen! Wer so viel essen kann, muss ordentlich was in den Armen haben.“ Verschwörerisch zwinkerte er meiner Oma zu. Irgendetwas führte mein Großvater wieder im Schilde. Vielleicht sollte ich mithelfen den Dachboden zu entrümpeln? Oder meine Großeltern erhielten vom Bauer Erwin eine große Ladung Kaminholz, die hinterm Haus aufgestapelt werden musste.

Opa verließ die Küche und kam nach einer Weile mit einem rechteckigen, flachen Paket zurück. „Das ist für dich, Ben.“, sagte er und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
Nachdem ich das Paket ausgepackt hatte, lag auf dem Esstisch ein knallroter, großer Lenkdrachen. „Dein Vater hat bereits diesen Drachen steigen lassen. Er hat damit sogar einen Drachenwettbewerb gewonnen. Wir haben ihn damals den „Roten Baron“ getauft, weil man mit ihm wunderbare Loopings und Tricks machen kann. Jetzt wirst du ihn fliegen! In einer Woche findet an der Ostseeküste ein bekanntes Drachenfest statt und ich habe dich mit dem „Roten Baron“ angemeldet.“ Ich war sprachlos. Mit vier Tortenstücken im Bauch denkt es sich allerdings auch etwas schwer. Mein Gesicht muss ausgesehen haben, wie ein riesiges Fragezeichen. „Keine Sorge, mein Junge, wir haben jede Menge Zeit, um für den Wettbewerb zu üben. Morgen fangen wir auf dem Brachacker von Erwin an. Ich habe alles bestens vorbereitet.“

Daher wehte der Wind. Um so einen großen Drachen mit zwei Leinen halten zu können, braucht man schon Kraft. Ich lag am Abend in meinem Bett im Gästezimmer und betrachtete nachdenklich den „Roten Baron“. Großvater hatte mir erklärt, dass es den „Roten Baron“ tatsächlich gegeben hat. Sein richtiger Name war Manfred Freiherr von Richthofen. Er war berühmter Kampfflieger im Ersten Weltkrieg. Seine Flugzeuge waren meistens rot bemalt. Meine Großmutter hatte sich fürchterlich aufgeregt, als sie die Geschichte hörte. „Emil Friedrich Wilhelm August!“, streng betonte sie jeden einzelnen Vornamen, „Du sollst dem Jungen, nicht immer diese alten Geschichten erzählen! Krieg ist schrecklich genug, man muss nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit darüber reden!“ „Wir Alten, sollten noch viel häufiger darüber sprechen, wie es uns im Zweiten Weltkrieg ergangen ist. Schließlich sind wir die letzten, die als Augenzeugen darüber berichten können. Was wir als Kinder im Krieg erlebt haben und wie wir nach dem Krieg zurechtkommen mussten, steht in keinem Geschichtsbuch, Charlotte Luise!“, hielt ihr mein Großvater entgegen und sanft fügte er hinzu: „ Damit eben nicht vergessen wird, wie schrecklich Krieg ist, Lottchen.“

Die Woche bis zum Drachenfest verging wie im Fluge. Opa und ich hatten den „Roten Baron“ jeden Tag auf Bauer Erwins Feld steigen lassen. Starten und Landen war ja nicht sonderlich schwer. Beim Starten hielt Opa den Drachen in den Wind und runter kam der er von alleine, vor allem dann, wenn ich nicht damit rechnete. Ein paar von den einfachen Tricks klappten auch schon. Sie waren zwar mit einigen schweren Abstürzen verbunden, aber der „Rote Baron“ war recht stabil gebaut und trug keine Schäden davon.
Opa und ich waren guter Dinge und getreu seinem Motto „Ohne Freude geht es gut. Mit Freude noch viel besser!“, hatten wir viel Spaß zusammen.

Ehe ich mich versah, stand ich mit meinem „Roten Baron“ am Strandabschnitt 67 als 43. Teilnehmer des „Drachen-Junior-Cups“. Nun wurde es ernst. Ich sollte zeigen, dass mein Drachen die schönsten Kreise und Drehungen am Himmel ziehen konnte. Der Start gelang.
Der „Rote Baron“ zerschnitt die Luft mit einem Sirren, das wie Musik in meinen Ohren klang.
Ich spürte in den Armen den Luftwiderstand meines Drachens und fühlte mich großartig. ‚Erster Looping - rechte Hand anziehen  - ja, flieg einen Kreis „Roter Baron“, flieg’ - jetzt schnell beide Hände wieder auf gleiche Höhe bringen – jipp!’ Meine Gedanken flogen mit dem Wind. ‚Jetzt einen Pull Turn – an der linken Leine ziehen – komm’  „Roter Baron“ flieg’ nach links – jetzt die Leine nach rechts ziehen – und er fliegt nach rechts – super!’
Es klappte alles wie am Schnürchen. Was hatte Opa gesagt? „Nur nicht übermütig werden, der Wind an der Ostsee ist stärker, als auf Erwins Acker!“ Ja, aber es flog sich auch besser. Ich wollte auch die Kombinationsdrehungen zeigen. ‚Also, eine Hand zum Drachen hin, die andere Hand vom Drachen weg, nun mach’ schon „Roter Baron...’

Plötzlich wurde der Wind stärker. Ich spürte einen heftigen Ruck an den Leinen. Der „Rote Baron“ stieg steil hoch und schleifte mich fast einen Meter weit über den Strand. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet und ließ vor Schreck beide Rollen gleichzeitig los. Ich war wie gelähmt. Mein Herz machte einen Sprung.  Oh nein, der „Rote Baron“ flog auf das Meer zu. Immer höher und weiter flog er Richtung Horizont. Mir war hundeelend. Was würde Opa dazu sagen?

„Da zieht er hin, der „Rote Baron“ und ward nimmer gesehen...“, seufzte Opa und legte seinen Arm um meine Schultern. „Sei nicht traurig, Ben! Wir bauen einen neuen Drachen. Einen echten „Ben-Drachen“ in einem schönen Orange mit grünen Streifen und einem langen Drachenschwanz.“ Doch ich war untröstlich, nicht einmal Oma Lottes Kirschcremetorte konnte mich aufmuntern.

Ich war bereits seit ein paar Tagen wieder zu Hause, als nachmittags unser Telefon klingelte. „Ben, Telefon für dich! Oma ist dran, sie hat eine Überraschung für dich.“ „Ja? Hallo Oma!“ „Ben, mein lieber Junge, stell’ dir bloß einmal vor, was heute Morgen passiert ist: Der Veranstalter des Drachenfests hat angerufen und uns mitgeteilt, dass Fischer den „Roten Baron“ aus dem Wasser gezogen haben. Sie finden jedes Jahr nach dem Fest bei ihren Fahrten ausgebüchste Drachen und geben sie ab. Anhand der Startnummer konnten sie den „Roten Baron“ zuordnen und uns ausfindig machen. Opa ist bereits losgefahren und holt ihn ab.“ Nun war ich ein zweites Mal sprachlos - vor Freude und überhaupt.

Wie man einen Drachen baut ist andere Geschichte, aber vielleicht wisst ihr es ja schon.
Ich habe jedenfalls im Jahr darauf mit meinem Großvater einen Drachen gebaut und der „Rote Baron“ hat einen Ehrenplatz unter der Decke des Gästezimmers erhalten.

 

    K I D S W E B    

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