„Hattecka nuscht beschresch schutun?“ „Haltung, Engelbert, Haltung! Denk an deine gute Kinderstube!“ Königin Donnabella I. schaut ihrem Gatten zuerst strafend auf die Knubbelfinger, dann auf die goldenen Knöpfe seiner Weste, die aussehen, als würden sie mit dem nächsten Atemzug vom königlichen Bauch springen. „Du kannst diese Einladung unmöglich ablehnen!“ „Das ist alles seine Schuld!“ Engelbert zeigt schmollend mit seinen Schokoladenfingern auf Fridolin, den Major Domus und ersten Läufer von Burg Weißenfels. „Aber Majestät …!“ „Du hast das Gedicht von diesem Meisensänger im Burgverlies gefunden!“ „Von der Amselheide, Engelbert!“, stellt Königin Donnabella richtig, „Gottfried von der Amselheide! Der Ärmste war ein sehr talentierter Dichter, bis ihn dein Vater für drei Tage in das Verlies sperren ließ, weil er ihn Eberlein vom rollenden Meter genannt hat. Was unter uns gesagt, noch sehr geschmeichelt war!“ Die Königin seufzt und wirft einen vielsagenden Blick auf die kleine Königskugel, die den Thronsessel ganz ausfüllt. „Und aus Rache hat Vogelbaum dieses Schachgedicht geschrieben, das Fridolin unbedingt seinem Liebchen auf Schloss Schwarzenburg zeigen musste. Die hat es dann der Köchin vorgelesen; die es ihrerseits bei einem Schwätzchen mit der Zofe der Königin erwähnte, bis Eckehard es zu lesen bekam und er auf die blöde Idee kam, dass wir gegeneinander Schach spielen!“ Entrüstet stopft sich Engelbert eine ganze Handvoll Gummikrönchen in den Mund. „Aberr nischt mit mirr! Isch kann kein Schach!“ „Aber eure Majestät! Ich konnte doch nicht ahnen …“ Fridolin setzt zum zweiten Mal zu einer Erklärung an, doch Königin Donnabella schneidet ihm mit einer ungeduldigen Handbewegung das Wort ab. „Engelbert, das ist nicht dein Ernst! Wir werden zum Gespött von Königs & Kaisers! Wir stecken in einer verflixten Zwickmühle.“
„Königliche Hoheit, Zwickmühle ist genau das richtige Stichwort: Von Zwick, genauer Generalfeldmarschall von Zwick, ist Schachgroßmeister!“, erlaubt sich Fridolin nun doch einzuwerfen. Die Königin überlegt kurz, dann nickt sie begeistert: „Aber natürlich, Fridolin, das ist unsere Rettung!“
Bonbons, Pralinen und bunte Zuckerstangen wachsen wie Blumen auf einer grüner Wiese. Es duftet nach Schokolade, Minze und Karamell. Die Kristalle eines goldgelben Honigsees glitzern verführerisch in der Sonne. Engelbert taucht erwartungsvoll einen Finger in den herrlichen Blütennektar …
… da erhält er einen kräftigen Stoß zwischen die Rippen. Der König schreckt hoch, sodass ihm seine Krone ins Gesicht rutscht. „Du bist dran!“, zischt eine vertraute Stimme in sein linkes Ohr. „Wie, wo …?“Verdutzt rückt Engelbert seine Krone zurecht. „Kurze Rochade, eure Majestät!“, raunt ihm der Turm von rechts zu. Traumtrunken wackelt Engelbert auf seinen kleinen, dicken Beinen zwei Felder nach rechts. Der Turm zieht um den König herum und stellt sich links von ihm auf das Feld. „Geht doch!“, murmelt Königin Donnabella. Seit drei Wochen üben sie jeden Tag die Schacheröffnung, aber Engelbert ist nicht bei der Sache. „Wo ist denn der Bube?“, hat er Generalfeldmarschall von Zwick gleich am ersten Tag gefragt. Leicht verwirrt hatte der drahtige Offizier zurückgefragt: „Pardon, Hoheit! Der wer …?“ „Da muss doch ein Bube neben meiner Königin stehen! Es heißt doch Bube, Dame, König …“ „Wir spielen Schach, Engelbert, S C H A C H! Nicht Mau-Mau!“, hatte ihn Donnabella daraufhin getadelt. Der Königin war sein Verhalten war entsetzlich peinlich. Mal schlief Engelbert mitten in der Übungspartie ein. „Ich leide an Frühjahrsmüdigkeit, das weißt du doch!“ Oder er stand mit verschränkten Armen und einem Schmollmund auf seinem Feld und weigerte sich, auch nur einen Schritt nach links oder rechts zu gehen. „Ich kann es nicht ausstehen, wenn mir diese schwarzen Bauerntölpel auf die Pelle rücken! Sollen die doch woanders hingehen! Ich bin der König!“ Wenn es so weiterging, würde Gottfried von der Amselheide mit seinem Gedicht recht behalten:
Weiß eröffnet die Partie, Schwarz hingegen nie.
Zug um Zug geht es dann weiter,
nicht immer stimmt’s die weiße Dame heiter.
Schon ruft der schwarze Läufer: „Schach!“
und der weiße König: „Ach!“
„Flieh, mein König, flieh!“
Doch der Ärmste weiß nicht wie.
Düster schallt jetzt noch das „Matt!“
Kein Remis und auch kein Patt.
Nein, der weiße König muss nun weichen
und vom schönen Schachbrett schleichen.
„Was macht denn der schwarze Gaul da drüben, der kann doch nicht einfach Fridolin umrennen!“ König Engelbert I. ist empört. So hat er sich das Ganze nicht vorgestellt. Ständig wird er bedroht. Er darf keine Schokoküsse essen, weil er sonst nicht in den neuen, weißen Anzug passt, und dann haut man ihm noch seinen besten Mann um. „Achtung! Eure Majestät rücken vor auf G2!“ Streng erschallt Generalfeldmarschall von Zwicks Stimme über das Schachbrett. Nein, das ist jetzt wirklich zu viel für den kleinen, dicken König. Was fällt diesem wandelnden Lamettaträger eigentlich ein? Es ist schon unerhört, wenn Donnabella rumkommandiert. „Ich rücke nicht! Ich gehe - und zwar in die Schlossküche. Alma hat Blaubeerpfannkuchen gebacken. Sollen die von Königs & Kaisers samt Eckehard doch bleiben, wo der Pfeffer wächst!“, schimpft der König aufgebracht. „Engelbert! Du bleibst!“ Würdevoll schreitet Königin Donnabella über die karierten Felder und baut sich vor ihrem widerspenstigen Gatten auf. Mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldet, sagt sie: „Wir von Weißenfels kneifen nicht! Rücke sofort vor auf G2 und zwar zz: zack-zack!“
Eine Woche später ist es soweit. Im Schlossgarten derer von Schwarzenburg haben sich Königs & Kaisers versammelt. Keiner will sich das Ereignis des Jahres entgehen lassen. Seit Wochen wird über das Schachgedicht hinter vorgehaltener Hand gemunkelt und auch jetzt geht ein Tuscheln und Kichern durch die Reihen. Da ertönen von den Zinnen des Schlosses die Fanfaren. Mit einem Schlag ist es mucksmäuschenstill. Feierlich betreten die Königspaare derer von Weißenfels und von Schwarzenburg samt Hofstaat das blank geschrubbte Schachbrett. Hoheitsvoll winkt eine strahlend weiße Königin Donnabella den Zuschauern auf den Rängen zu. König Engelbert wirkt dagegen noch ein wenig bleicher als sonst, was zum einen an der Aufregung, zum anderen an der Schachtel Schokoküsse liegt, die er „als Nervennahrung“ kurz zuvor verputzt hat. „Keine Sorge, mein Lieber“, raunt ihm Donnabella leise zu, „wir alle werden dich beschützen!“
Die Eröffnung klappt wie am Schnürchen. Sogar die kurze Rochade ist auf Anhieb gelungen. Schon fallen die ersten schwarzen Bauern und auch ein schwarzes Pferd wurde erfolgreich in die Flucht geschlagen. Generalfeldmarschall von Zwick hat gute Arbeit geleistet: König Engelbert I. spielt wie ein Meister.
„Läufer Fritz Acht auf D6“, erschallt der Befehl von der anderen Seite des Schachbretts. Blitz, das erste Pferd im Stall Weißenfels, bläht die Nüstern und scharrt mit den Hufen. „Spring nur“, nickt Königin Donnabella dem Schimmel zu, „aber nicht an den Rand!“ Das Pferd springt auf das Feld C3. Geschickt stellt sich Eckehard von Schwarzenburg, wie ein Ritter alter Schule, vor seine Königin. „Was soll denn dieser Zug?“, fragt Engelbert irritiert und schaut sich Hilfe suchend nach Donnabella um. Noch bevor sie antworten kann, geht ein Raunen durch die Zuschauerreihen. Blitz hat zum zweiten Sprung angesetzt und landet vor Fritz, dem Läufer von Schwarzenburg. Doch kaum ist der Schimmel auf dem Feld D5 gelandet, wird er von einem schwarzen Bauern angegriffen und vom Schachbrett gejagt. Grazia, die weiße Lipizzanerstute König Engelberts, hält nun nichts mehr an ihrem Platz. Zornig prescht sie vor die gegnerischen Reihen … und wird ebenfalls von Schwarz erwischt. „Was fällt euch ein, meine schönen Pferde zu schlagen, ihr Rüpel!“, schreit König Engelbert. Außer sich vor Wut schmeißt er seine Krone weg. Sie landet prompt auf dem weißen Feld rechts neben ihm. „Engelbert, nicht schon wieder!“ Königin Donnabella schlägt verzweifelt Hände über dem Kopf zusammen. Schimpfend und fluchend betritt Engelbert das Feld, um seine Krone wieder aufzusetzen, da baut sich auch schon ein großer schwarzer Turm vor ihm auf. „Schach!“ „Ach! Ich wollte doch nur …“ Aber das Betreten des Feldes ist ein gültiger Schachzug. „Flieh, mein König, flieh!“, hört Engelbert Donnabella rufen, doch weiß er nicht recht wohin. Zwei Züge lang kann er sich retten, bis ihn Fritz, der schwarze Läufer, schachmatt setzt.
Ein Jahr ist seit diesem Tag vergangen. Schokoküsse und grüne Gummikrönchen verdrückt unser kleiner, dicker König Engelbert nach wie vor in großen Mengen, aber er hat auch täglich mit Generalfeldmarschall von Zwick das Schachspielen geübt. Er verliert zwar ab und an eine Partie, aber nicht mehr seine Fassung, was für ihn auch in anderen Dingen sehr von Vorteil ist. Königin Donnabella ist mächtig stolz auf ihren Engelbert. Sie hat übrigens ein neues Gedicht in Auftrag gegeben. Rate mal, wer es schreiben wird?
Autor/kidswebbi
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